Teufel und Schily eingeschaltet

In Königsfeld konzertierte Aktion zur Rückkehr vietnamesischer Flüchtlingsfamilie Immer stärker wird das Bestreben in Königsfeld, die abgeschobene Flüchtlingsfamilie durch eine Ausnahmeregelung zurückzuholen. Jetzt sind auch die ersten Lebenszeichen der 19-jährigen Thi Bang Tham Nguyen aus Vietnam eingetroffen.

Königsfeld - Die konzertierte Aktion zur Rückkehr der kürzlich nach Vietnam abgeschobenen Familie Nguyen zieht immer größere Kreise. Herbert Faller, Königsfelds neuer katholischer Pfarrer, hat ihr eine seiner ersten Predigten gewidmet, die Sonntagskollekte wurde für die vietnamesischen Flüchtlinge verwendet. Die Katholische Jugend (KJG) Neuhausen hat eine Unterschriftenaktion initiiert, SPD-Kreisvorsitzende Beate Schmidt-Kempe hat einen Bittbrief an Innenminister Otto Schily geschrieben.

Wie sie selbst den nächtlichen Überraschungsbesuch durch die Polizei, den Transport zum Flughafen nach Frankfurt und die verzweifelte Hoffnung auf Rettung in letzter Sekunde erlebt hat, schildert die 19-jähige Thi Bang Tham Nguyen in einem ausführlichen Brief, der im Gottesdienst in Neuhausen verlesen wurde. "Ich hatte einen Traum, eine Zukunft, alles, was man braucht, um glücklich zu werden", schreibt sie und schildert den Schock beim Abtransport ("ich musste oft würgen"), den Schock bei der Ankunft in der fremden Heimat. Die junge Frau bedankt sich für die freundschaftliche Sympathie aus Deutschland, schildert ihre Sehnsucht dorthin und die Angst vor der ungewissen Zukunft.

Ihr jüngerer Bruder Duc (16) kann das Erlebte offenbar noch schwerer verstehen und verkraften, laut Thi spricht er kaum vietnamesisch, isst fast nichts, schläft schlecht und ist insgesamt völlig verstört.

Die KJG-Jugendlichen hatten Fürbitten für ihre vietnamesischen Freunde und die Asylbewerber vorbereitet, die nach Jahren der Duldung heimisch in Deutschland geworden sind. Die Gemeinde sei tief bewegt gewesen, beschreibt Pfarrgemeinderatsvorsitzende Gudrun Briechle die Stimmung im Gotteshaus. Pfarrer Faller gestaltete die Predigt nach einem Text aus dem Markus-Evangelium, in dem Jesus den Mächtigen vorwirft, ihre Macht über Menschen zu missbrauchen. Der Geistliche stellte Parallelen zur Staatsmacht her und ihrem Umgang mit Menschen.

Die Chancen, eine Abschiebung rückgängig zu machen, sind sehr schlecht nach geltenden Ausländerrecht, darum wird jetzt nach einer Lösung auf politischem Weg gesucht. Ziel ist die Rückkehr der beiden Geschwister, die beide im nächsten Jahr ihren Schulabschlüsse machen wollten. Die KJG hat bereits seitenweise Unterschriften gesammelt, die Liste soll Ministerpräsident Erwin Teufel übergeben werden mit der Bitte, sich persönlich für eine Ausnahmeregelung einzusetzen.

Beate Schmidt-Kempe hat sich in gleicher Mission an den Parteikollegen Otto Schily gewandt. Es entspreche nicht "dem Willen unseres Volkes, Menschen abzuschieben, die hier gesellschaftlich längst integriert sind" heißt es in ihrem Schreiben. Im übrigen müsse sich Deutschland vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung über den Zuwachs durch integrationswillige Ausländer sogar freuen. Außerdem hat die SPD-Kreisvorsitzende wegen der unterschiedlichen Abschiebepraktiken in den Bundesländern Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingelegt. Das hat nur bestätigt, dass die Regelung sogenannter Altfälle Ländersache ist. (VON CHRISTINA NACK)

Quelle: Südkurier 25. Oktober 2003