Harte Worte

Harte Worte - doch die Hoffnung lebt 700 Zinzendorfschüler bei hochkarätig besetzter Podiumsdiskussion zum Thema "Abschiebung"

Das Bangen um die Zukunft der nach Vietnam abgeschobenen Familie Nguyen geht auch nach der hochkarätig besetzten Podiumsdikussion im Kirchensaal weiter, zu der gestern Vormittag rund 700 Schüler gekommen waren. Obwohl Christian Storr, Ausländerbeauftragter der Landesregierung, "absolut keine Chance" auf Rückkehr sah, erklärte Schulleiter Knut Schröter am Ende: "Die Hoffnung stirbt zuletzt, wir kämpfen weiter!"


Königsfeld - Die Geschichte der Nguyens ist kein Einzelfall, wie die SÜDKURIER-Redakteurin und ehemalige Zinzendorfschülerin Inge König erklärte, die die Podiumsdiskusison moderierte und dazu einen größeren Kontext herstellte. 4000 Menschen wurden im vergangenen Jahr aus Baden-Württemberg abgeschoben, 686 aus dem Regierungsbezirk Freiburg. Selten regt sich darüber jemand auf, selten werden die Fälle an der Öffentlichkeit diskutiert, weil die selten etwas davon erfährt. Bei der vierköpfigen Familie aus Königsfeld-Neuhausen ist dies bekanntlich anders, insbesondere die Bemühungen um die Rückkehr der 19-jährigen Thi Bang Tham, die im kommenden Jahr ihr Abitur machen wollte, zogen immer weitere Kreise. Für Mitschüler und Freunde sei dies eine Chance mitzuerleben, wie politische Prozesse durch Engagement und Beharrlichkeit beeinflusst werden und die Behörden ihren Entscheidungsspielraum nutzen könnten, so Inge König.

Warum wurden die Nguyens wie viele andere Asylbewerber überhaupt länger als zehn Jahre in Deutschland geduldet? Warum wurden sie wieder weggeschickt, obwohl die Eltern arbeiteten und seither den deutschen Sozialstaat nicht mehr belasteten? Warum wurden sie in einer Nacht- und Nebelaktion aus ihrer Wohnung in Neuhausen vertrieben? Weil es die deutschen Gesetze so wollen: Das war die zusammenfassende Antwort auf solche Grundsatzfragen.

Eine zwangsweise Rückführung der seit 1994 ausreisepflichtigen Familie sei nicht möglich gewesen, weil sie keine Pässe hatte, erklärte Tomas Dreßler, Leiter des Referats "Eingliederung, Ausländer- und Asylrecht" beim Freiburger Regierungspräsidium. Und wegen der Gefahr des Untertauchens werde eine Abschiebung oft nachts vollzogen.

Für Monika von Mirbach (Flüchtlingshilfeorganisation "Refugio") ist dies ein Verstoß gegen die UN-Kinderkonvention, da gerade für Kinder die polizeiliche Überführung in ein für sie fremdes Land nachgerade unweigerlich zu Traumatisierungen führe. Thi berichte auch immer wieder von Schlaflosigkeit und Panikattacken, erzählte ihre Freundin Samira Awad. Vor allem der 16-jährige Duc sei abgemagert, verängstigt und verstört.

Politisches Ziel müsse ein Bleiberecht für Flüchtlinge sein, die länger als fünf Jahre in Deutschland leben, forderte Pfarrer Thomas Dermann (Landskirchlicher Beauftragter für Ausländer-Seelsorge) mit anderen auf dem Podium. Vater Duy Doanh Nguyen sei als Werksarbeitnehmer eines sozialistischen Staates in die damalige DDR gekommen. Er habe gewusst, dass nach der Rückkehr in Vietnam eine "Gesinnungsprüfung" auf ihn warte, "verständlich, dass er bleiben wollte".

Beate Schmidt-Kempe, Anwältin der Familie, brachte einen bislang unbekannten Aspekt ins Spiel. Wegen des anderen Schulsystems in Vietnam wären die dortigen Behörden bereit gewesen, mit der zwangsweisen Rückholung der Geschwister zu warten, bis die ihren Schulabschluss in Deutschland gemacht hätten. Die Juristin wies zudem auf die "Schizophrenie" des deutschen Einwanderungsgesetzes hin. Einerseits hätten Asylbewerber kaum Möglichkeiten des Geldverdienens, andererseits sei unzureichende wirtschaftliche Integration ein Abschiebegrund. "Ich schäme mich allmählich für diese Argumentation deutsche Behörden." Die hätten im übrigen durchaus Ermessenspielraum. "In den Gesetzen steht kann und soll. Wenn man will, dann geht's also auch".

Immer wieder reagierte das junge Auditorium mit Zwischenapplaus und machte später von der Möglichkeit, sich aktiv in die Diskussion einzumischen, regen Gebrauch. Mit Unmut wurde die rigide Haltung von Christian Storr quittiert. "Nullkommanull" sei die Chance auf Rückkehr vor Ablauf des dreijährigen Einreiseverbots, in welcher Frage die Landesregierung allerdings keine einheitliche Meinung vertrete.

"Wir brauchen Zuwanderung," sagte Volker Klepp, der das Referat der Bundesregierung für Migration, Flüchtlinge und Integration leitet, auch mit Blick auf die Überalterung der deutschen Bevölkerung. CDU-Bundestagsabgeordneter Kauder hingegen würde etwaige Integrationskosten lieber in "eigene" Familien investieren. Für ihn geht nicht nur um "Einzelfall- sondern um Systemgerechtigkeit". Als Mitglied des Petitionsausschusses führte er die vielen hundert engagierten Zinzendorf-Schülerinnen und Schüler zudem auf eine neue Fährte. Nur drei von jährlich 300 Asylpetitionen seien erfolgreich. "Vielleicht kann Thi ja eine von diesen drei werden." (von Christina Nack)

Sudkurier vom 18.12.2003