Therapeuten über die Schulter geschaut

Königsfeld (log) Hilde Mattheis aus Ulm, SPD-Bundestagsmitglied und stellvertretende Sprecherin der Arbeitsgruppe ?Gesundheit? sowie ?Verteilungsgerechtigkeit und soziale Integration?, nutzte die Gelegenheit zu einer Stippvisite in der Michael-Balint-Klinik in Königsfeld. Initiiert wurde der Besuch von SPD-Gemeinderätin Beate Schmidt-Kempe.

Jan Ilhan Kizilhan, Psychologe für Migration und Rehabilitation, und Wolfhard Rother, ärztlicher Direktor, informierten die SPD-Politikerin im Dialog über die speziellen Angebote der Klinik für traumatisierte Menschen. So bräuchten diese eine andere und besondere Behandlung, weil man mit herkömmlicher Therapie an sie nicht herankomme, wusste Kizilhan. Dies könne aber beispielsweise dadurch ermöglicht werden, indem man die Betroffenen ihre Lebensgeschichte erzählen lasse. ?Wenn das Erzählen wieder da ist, können Trauma behandelt werden?, schilderte der Psychologe das erfolgreiche Vorgehen. Menschen mit Migrationshintergrund interessieren sie besonders. Der Staat müsse sich darauf einstellen, dass er für diese Personengruppe eine größere Palette von Angeboten brauche, so Mattheis. Die Gesundheitsexpertin wollte ferner wissen, ob geschlechterspezifisch therapiert werde. Kizilhan: ?Ja, und ich muss die Kultur kennen. Die Loyalität einer islamischen Familie ist wichtiger als individuelle Interessen, wodurch ein starkes Zusammengehörigkeitsgefühl vorhanden ist. Der Islam mit seinen verschiedenen Verhaltensweisen und Verboten spielt immer noch eine wichtige Rolle. So wird die weibliche Sexualität als destruktiv angesehen, da sie Chaos und Unordnung schafft und dem sozialen Gefüge schaden kann.

Auf diese Weise wird die Schwäche des Mannes geschützt?, erklärte der Experte an einem Beispiel. In seiner Klinik dürfe nicht gegen die Zwangsheirat vorgegangen, sondern müsse akzeptiert werden. Wenn eine Muslimin bei der Begrüßung einem die Hand verweigere, dürfe man dies nicht falsch interpretieren, wusste der Klinikabteilungsleiter. Die Sozialpolitikerin bat zum Abschluss der Diskussionsrunde weiteres Informationsmaterial über die Michael-Balint-Klinik.